Manchmal sind es die einfachsten Fragen, die zu den größten Antworten führen.
Gestern war ich wieder in meiner Selbsthilfegruppe. Nach dem Meeting hatte ich noch ein Gespräch mit einem Freund. Wir sprachen über meine Mehrfachsüchte – insbesondere Alkohol und Cannabis. Irgendwie kamen wir auf das Thema „abstinenter Zeitraum“ zu sprechen. Dann kam diese eine Frage:
„Wann warst du zuletzt mal über einen längeren Zeitraum abstinent?„
Ich konnte in dem Moment nicht wirklich antworten. Diese Frage ließ mich aber nicht los. Auf dem Heimweg, auf der Autobahn, drehte sie sich in meinem Kopf: Wie? Was? Wann? Wo?
Und dann fiel es mir ein: Von November 2023 bis März 2024 war ich konsumfrei.
In dieser Zeit gab es für mich keinen Alkohol und kein Cannabis. Ich bin überzeugt, dass es Vorfälle gab, an die ich mich nicht so wirklich erinnern mag – unwichtig.
Es geht um das Hier und Jetzt.
Mir ist bewusst geworden: In dieser Zeit gab es Bilder, auf denen ich wirklich gut aussah. Ein Bild, das ich bis heute als Motivation nutze – für die Spielfreiheit, aber auch für vieles mehr.
Der berufliche Hintergrund: Alkohol war lange mein Leben
Bevor ich tiefer in meine Geschichte eintauche, ein wichtiger Kontext: Ich bin beruflich seit über 20 Jahren mit Alkohol verbunden.
Gute 15 Jahre war ich als Barchef diverser Premium-Hotels tätig. Das Thema Alkohol begleitet mich beruflich seit 2001. Ich hatte sehr viel Freude daran. Heute bin ich Abteilungsleiter für Wein, Sekt & Spirituosen in einer großen Handelskette und habe mir eine sehr gute Expertise im Bereich Alkohol aufgebaut – eine Expertise, mit der ich sehr gut arbeiten und verkaufen kann.
Das macht meine Geschichte vielleicht besonders: Ich kenne die Welt des Alkohols nicht nur als Konsument, sondern auch als Profi. Ich weiß, wie man Wein präsentiert, wie man Spirituosen verkauft, wie man eine Bar führt. Und genau das macht die Selbstreflexion so wichtig – und so schwer.
Was in dieser Zeit passiert ist
Ende November 2023 begann meine ambulante Reha – aufgrund einer Depression. Mir war bewusst, dass ich in dieser Zeit medikamentös eingestellt werde. Mir war bewusst, dass ich psychisch erkrankt bin. Und dieses Thema wollte ich angehen.
Ich war konsumfrei, aber nicht spielfrei. Das Spielen war für mich Ablenkung, Beschäftigung – all das. Die ambulante Reha hat mir sehr gut getan. Ich nehme ein Medikament aus dieser Zeit immer noch. Nach zwei fehlgeschlagenen Versuchen war es dann das richtige. Mir geht es damit gut.
Ich habe viele emotionale Muster neu aufgebaut, andere weggelassen.
Fakt ist: Keine Panik, keine Angststörung mehr.
All das, was mit Angst und Panik zu tun hat – und auch diese negative Eigenmotivation – habe ich verändern können. Die Medikamente haben sicherlich ihren Teil dazu beigetragen.
Der Gedanke, der bleibt
Und dennoch: Immer wieder kommt der Gedanke in mir auf:
Was wäre, wenn? Was wäre, wenn man das Medikament ausschleicht und versucht, aus eigener Kraft das mentale Gleichgewicht zu halten?
Mir ist bewusst, dass meine Schlafstörung sehr viel angerichtet hat – sowohl was mein Herz angeht als auch meine Psyche. Und dennoch reizt es mich herauszufinden, wie weit ich medikamentenfrei leben könnte.
Genau dafür habe ich mich zu dieser Langzeit-Reha angemeldet.
Suchtverlagerung: Ein großes Thema in meiner Welt
Worauf ich hinauswill, ist das Thema Selbstreflexion. Ich persönlich mag sie nicht. Aber mir tut sie sehr gut. Und ich bin immer wieder überrascht, wie sich solche Momente ergeben.
Es war gestern Abend diese eine einfache Frage: „Wann warst du das letzte Mal über einen längeren Zeitraum abstinent?“
Und nun sitze ich hier, schreibe meine Zeilen, lasse meinen Gedanken freien Lauf und stelle fest: Seit März 2024 begann der Konsum von Alkohol und Cannabis wieder – und er wuchs, während ich das Spielen in den Griff bekam.
Das nennt man Suchtverlagerung. Ein recht großes Thema in meiner Welt.
Ich danke dir für das Lesen. Ich wünsche dir #gute24h.
Und ich werde mir weiter meine Gedanken machen – während ich auf meine „Einberufung“ zur Langzeit-Reha warte.
Der Tag wird kommen. Aber keiner weiß, wann…

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